Besichtigung der Neuen Synagoge Gelsenkirchen

 

Jedes Jahr führt die IG BCE Ortsgruppe Gladbeck-Süd zwei Besichtigungen durch. Dieses Mal galt die Besichtigung der im Februar 2007 eingeweihten Neuen Synagoge in Gelsenkirchen.

 


 

Das nach den Plänen von Benedikta Mishler und Reinhard Christfreund errichtete Gebäude mit seiner klaren Formensprache verfügt über einen lichtdurchfluteten Innenhof, der Betraum im Obergeschoss bietet 400 Menschen Platz; die Thorarollen werden in einem Thoraschrein hinter einem blauen Vorhang aufbewahrt.

 

Vor dem Haus steht das kinetische Kunstwerk "Fünf-Flügler" von Jörg Wiele, und im Eingangsbereich die Auftragsarbeit "Heimkehr" von Jürgen Marose. Schemenhaft sind darauf Menschen und eine Wüstenlandschaft zu sehen. Vieles ist ungewiss in diesem Bild.

 

 

Mit Betätigung der Türklingel begann die Synagogenbesichtigung der siebenköpfigen Besuchergruppe. Im Veranstaltungsraum, welcher 200 Menschen Platz bietet, des Gemeindezentrums wurde der Gruppe ein Film über die Jüdische Gemeinde Gelsenkirchen gezeigt, nachdem sie zuvor von dem gesundheitlich angeschlagenem Rabbi Chaim Kornblum begrüßt wurde.

 

Besonders beeindruckt waren die Zuschauer von Kurt Neuwald, einem der über 1600 Menschen jüdischen Glaubens in Gelsenkirchen zum Beginn des Jahres 1933. Viele von ihnen wurden in der Jahren der faschistischen Diktatur in Deutschland ermordet. Fast traf auch Kurt Neuwald dieses Schicksal, welches er durch eine glückliche Fügung knapp entrinnen konnte.

 

Noch zutiefst bewegt über das Gesehene, betrat die Gruppe den Betraum. Sofort in das Auge fällt der Thoraschrein  mit dem historischen Thoravorhang aus blauer Seide mit Abbildungen der Gesetzestafeln, der Krone, hinter dem die Thorarollen aufbewahrt sind. Rabbi Kornblum sprach dann über den Gottesdienst einer traditionell orthodox jüdischen Gemeinde wie auch der heutigen Gelsenkirchener Gemeinde. So müssen die Frauen getrennt von den Männern in den hinteren, leicht erhobenen Sitzbänken am Gottesdienst teilnehmen.

 

 


Die Mizwot (jüdische Vorschriften), so Rabbi Kornblum, sind elementarer Bestandteil des jüdisch-orthodoxen Glaubens. Neben den 10 Geboten gibt es weitere 613 Mizwot (darunter sind 365 Verbote und 248 Gebote), die in der Thora stehen und die der fromme Jude in sein Leben integriert.

 

 

Die Heiligung des Sabbats ist der Höhepunkt der Woche. Der Sabbat ist der siebte Wochentag, und die Juden feiern das Ruhen Gottes am siebten Tag der Schöpfung sowie den Auszug der Israeliten aus Ägypten. Der Sabbat beginnt am Freitagabend mit dem Sonnenuntergang und endet am Samstagabend. Die orthodoxen Juden achten darauf, am Sabbat zu ruhen und nicht zu arbeiten. Auch deshalb befindet sich keine Orgel oder eine anderes Musikinstrument im Betraum der Gemeinde. Sämtliche Arbeiten werden also vorher erledigt.

 

 

Das bekannteste jüdische Gebet ist das "Schma Jisrael" (hebräisch für "Höre Israel"). Es ist zugleich das eindringliche Glaubensbekenntnis der Juden an den Einen Gott. Es setzt sich aus den Thora -Stellen, Deuteronomium 6,4, einem Vers aus dem Talmud (mJoma 6,2) sowie den Abschnitten Deuteronomium 6,5-9, 11,13-21 und Numeri 15,37-41 zusammen.

 

 

Dreimal täglich beten fromme Juden, dabei tragen die Männer Kippa (Käppchen), Tallith (Gebetsumhang) und werktags Tefillin. Tefillin sind Gebetsriemen aus Leder. Der männliche Jude wickelt sie siebenmal um den Arm und dann dreimal um die Hand und den Mittelfinger. Zu den Tefillin gehören auch Gebetskapseln, die in der Nähe des Herzens und auf der Stirn getragen werden. In den Kapseln befinden sich Texte aus der Thora.

 

 

Auch der Brauch der Mesusa (hebr. für "Türpfosten") wird im "Schma Jisrael" erwähnt: Gemeint ist ein kleiner Behälter, der Thora-Abschnitte auf Pergament enthält und aus rituellen Zwecken am rechten äußeren Türpfosten eines jüdischen Wohneingangs befestigt wird.

 

 

Ein besonderes Kapitel für sich der Mizwot sind die jüdischen Speisevorschriften (Kaschrut). Der orthodoxe Jude folgt den Gesetzen des koscheren Essens. Koscher meint "tauglich" und schreibt dem orthodoxen Juden genau vor, was er essen darf und welche Speisen er vermeiden muss. Viele dieser Speisegebote finden sich in der Thora, weitere stehen im Talmud, der über die Jahrhunderte gewachsenen Auslegung der Schrift durch große Rabbiner.

 

 

Koschere Speisen sind etwa Fleischprodukte von Paarhufern und Wiederkäuern, also Schaf, Rind, Ziegen und Reh. Auch Geflügel darf gegessen werden, solange es sich vegetarisch ernährt. Ebenso gehören Fische mit Schuppen und Flossen zu den koscheren Lebensmitteln. Dagegen sind Schweinefleisch, Schalen- und Krustentiere kein koscheres Essen. Zu den Speisevorschriften gehört außerdem, Fleisch- und Milchprodukte strikt voneinander zu trennen. Orthodoxe jüdische Haushalte verfügen daher über zwei Kochgeschirre, ein Milchbesteck und ein Fleischbesteck.

 

 

Nach vielen Fragen der Gladbecker IG BCE Mitglieder und ebenso vielen Antworten von Rabbi Kornblum bedankte sich Wolfgang Sobottka für die freundliche Aufnahme und den interessanten Ausführungen beim Rabbi.

 

 

Anschließend nutzte die Gruppe den späten Nachmittag zu einem Bummel durch die doch karge Gelsenkirchener Innenstadt mit einem weit verstreuten „Weihnachtsmarkt“.

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Wolfgang Sobottka (Montag, 19 Dezember 2016 12:33)

    Der Bericht über die Besichtigung der Synagoge ist einfach super gut gemacht, ich kann unseren Bildungsobmann und Foto-Grafen Manfred, ein großes danke sagen für den Bericht und die ein Gestellten Fotos über die Besichtigung der Gelsenkirchener Synagoge.
    Glückauf
    Wolfgang

  • #2

    Stefan Wehmeier (nachträglich editierter Beitrag) (Dienstag, 21 März 2017 01:24)

    "Die Intelligenz rennt dir nach, aber du bist schneller!"

    Nach dem "Auszug der Israeliten aus Ägypten", der Weiterentwicklung der menschlichen Kultur von der zentralistischen Planwirtschaft noch ohne liquides Geld zur Marktwirtschaft mit Geldkreislauf (für die mit dem weitesten Vorsprung vor der Intelligenz: die Heilige Schrift ist nicht gegenständlich, sondern funktional zu verstehen), suchten die israelitischen Hohepriester, die das "Programm Genesis" noch kannten, sieben Jahrhunderte lang nach der Lösung, wie die Marktwirtschaft (Paradies) vom parasitären Gegenprinzip des Privatkapitalismus (Erbsünde) zu befreien ist. Da sie aber selbst von der Erbsünde lebten, blieb ihnen die Lösung versagt, sodass sie nur auf einen Propheten hoffen konnten, der ihnen die Lösung verraten würde. Und als dieser erschien, waren weitere fünf Jahrhunderte vergangen, in denen man sich schon so weit mit der Erbsünde arrangiert hatte, dass unter den "Pharisäern und Schriftgelehrten" (heute zu übersetzen mit [entfernt von Admin]) niemand mehr zu finden war, der die Worte des Propheten noch verstehen konnte. Nur beim einfachen Volk hinterließ Jesus von Nazareth einen tiefen Eindruck, aus dem im weiteren Verlauf der Geschichte ein globaler Cargo-Kult entstand, der sich heute "moderne Zivilisation" nennt. Die Bewohner des Cargo-Kultes sind bereits zum Mond geflogen, aber die Basis allen menschlichen Zusammenlebens (Makroökonomie) und die grundlegendste zwischenmenschliche Beziehung (Geld) haben die "verlorenen Kinder der See" bis heute nicht verstanden:

    [Link entfernt von Admin]

    Erklärungen dazu finden sich im dritten der "Sieben Siegel der Apokalypse"...

    [Link entfernt von Admin]
    ...und man darf gespannt sein, inwieweit das einstige Volk der Dichter und Denker diese im Grunde "banalsten Selbstverständlichkeiten" noch vor dem Jüngsten Tag (gesetzlich verbindliche Ankündigung der freiwirtschaftlichen Geld- und Bodenreform) begreifen wird.

    "Wenn jemand nicht zuerst das Wasser kennt, kennt er nichts. Denn was nützt es ihm, wenn er darin getauft wird? Wenn jemand nicht weiß, wie der wehende Wind entstanden ist, wird er mit ihm hinweggeweht werden."

    [Link entfernt von Admin]

    In der originalen Heiligen Schrift (die Bibel bis Genesis_11,9 sowie ein wesentlicher Teil der Nag Hammadi Schriften), die nicht zum Zweck des Moralverkaufs gegenständlich-naiv uminterpretiert wurde, steht "Wasser" für liquides Geld und "der wehende Wind" bedeutet Geldbewegung bzw. Geldumlauf, als Grundvoraussetzung für das Funktionieren der Arbeitsteilung, die den Menschen über den Tierzustand erhob:

    [Link entfernt von Admin]