06. April 2016

 

Integration vor Ort Teil II - Gemeinsame gesellschaftliche Werte

 

Leider fanden nur 25 Kolleginnen und Kollegen den Weg in die AWO-Brauck, um den interessanten und sachkundigen Ausführungen zur Thematik von Eyüp Yildiz, dem 1. stellvertretenden Bürgermeister der Stadt Dinslaken, zu folgen.

 

 

1979 legte der erste Ausländerbeauftragte Heinz Kühn ein Memorandum mit dem Hinweis vor, das Deutschland de facto ein Einwanderungsland ist und dringend Maßnahmen zur Integration zu ergreifen sind. Viel wurde seitdem nicht auf den Weg gebracht. Es herrscht zur Zeit die recht absurde Situation der geforderten Integration, ohne eine Verständigung darüber, was Integration wirklich ist. Welches Sprachniveau braucht es? Reicht es, Gesetze einzuhalten? Was ist Notwendig, um  eine erfolgreiche Integration zu erreichen, wie ist ein miteinander Leben möglich?

 

Eine wesentliche Voraussetzung auf dem Weg zu einer gemeinsamen Gesellschaft ist „das gemeinsame Lernen, beginnend im Kindergarten über die Grundschule bis hinein in den Sekundarbereich“, so Eyüp Yildiz, Dabei sollte der Anteil von Migrantenkindern nicht über 50 % liegen. Ebenso kritisch zu sehen ist die hohe Überweisungsquote von Migrantenkindern nach der Grundschule an die verbleibenden Hauptschulen.

 

„Wesentliche Prägungen unserer Einstellungen passieren in unserer Zeit als Kind. Wenn Kinder faktisch ohne Kontakt zur umgebenden Gesellschaft aufwachsen, was bei Grundschulklassen von mehr als 80 % auf jeden Fall eine Folge ist, bleibt Ihnen diese Gesellschaft fremd und wird ihnen auch im Erwachsenenalter  Fremd bleiben und so zu Parallelgesellschaften führen“.

 

 

Als wenig hilfreich sieht Eyüp Yildiz die in immer kürzeren Abständen entwickelten großen Integrationspläne, die faktisch nur der „Integrations-Industrie“ Beschäftigung und Gewinne verschaffen, deren Beitrag auf dem Weg zu einer gemeinsamen Gesellschaft jedoch eher gering zu bemessen sei.

 

Das viele Angehörige der dritten Migrantengeneration ihre politisch-geistige und kulturelle Heimat in der Türkei sehen, und dort in der AKP  (Adalet ve Kalkınma Partisi  -  Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung oder Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung), ihr Präsident daher Recep Tayyip Erdoğan und nicht Gauck sei, liege an der deutschen Mehrheitsgesellschaft, von der sie sich nicht angenommen fühlen. Wenig integrationsförderlich  sei auch die offizielle Teilnahme  von Bürgermeister Ulrich Roland bei der Eröffnung des UETP-Büros  in der Münsterländer Straße in Brauck gewesen, ist doch die UETP (Union Europäisch-Türkischer Demokraten (türkisch: Avrupalı Türk Demokratlar Birliği) eine Lobby-Organisation der AKP in Europa.

 

Über die UETP und eigenständige Parteigründungen wie die BIG (Bündnis für Innovation und Gerechtigkeit) hinaus nimmt die AKP Einfluss auf türkischstämmige Migranten über die DITIB-Moscheevereine. Sie werden von Diyanet (Präsidium für Religionsangelegenheiten), abgekürzt mit Diyanet, ist eine staatliche Einrichtung zur Verwaltung religiöser Angelegenheiten in der Türkei) aus dirigiert, und Diyanet marschiert stramm mit Erdogan.

 

Hier schloss sich eine kurze Diskussion über den Islam an. In Deutschland stehe der Salafismus dabei an der Spitze der Pyramide einer konservativen Auslegung des Islam. Das insbesondere junge Menschen sich von dieser Richtung angezogen fühlen, müsse noch genauer untersucht werden. Für Eyüp Yildiz steht fest, die notwendige Aufklärung könne nur durch die Muslime selbst erfolgen. Kontraproduktiv wirke sich die „Aufklärung des Westens“ mittels Waffen aus. Gleichgültig, ob selbst eingesetzt oder an Verbündete wie das wahabitische Saudi Arabien verkauft. 

 

Auf die Frage nach einem gemeinsamen Religionsunterricht antwortete der Referent, wichtiger als getrennter oder einem gemeinsamen Religionsunterricht sei ein gemeinsamer Ethik-Unterricht. Gegen Ende der Veranstaltung stimmte der Ortsgruppen-Vorsitzende Joachim Praetsch Eyüp Yildiz zu: „Die Grundlage der Diskussion um gemeinsame gesellschaftliche Werte kann nur das Grundgesetz sein. Die Einigung auf diese Grundlage ist ein erster Schritt in eine Gesellschaft, in der nicht Herkunft oder religiöses Hineingeboren sein zählt, sondern der konkrete Mensch.“

 

 

Zum Schluss bedankten sich die Kolleginnen und Kollegen mit großem Beifall bei Eyüp Yildiz, dem es nach Manfred Gornik gelungen war, das Märchen von der bisher gelingenden Integration zu zerstören, dabei gleichzeitig die Zuversicht auf eine positive Zukunft zu erhalten. Denn soviel ist sicher, so Eyüp Yildiz, die Mahnung von Heinz Kühn, das Deutschland ein Einwanderungsland ist, muss endlich ernstgenommen und anerkannt werden.

 

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